
© Claudia Müller
Ein Übertritt
(alles auf Ende) / Gedicht
Neuvariabel
Deutschland im «Jahre Null», nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ist der Ausgangspunkt von Elfriede Jelineks Prosa-Gedicht, das versucht, sich einen Reim auf die Geschichte zu machen. Je näher es diese aber ansieht, desto ferner sieht sie zurück. Ordnung und Logik stellen sich nicht ein, aus Harmonie wird Dissonanz. Denn vor allem der «Übertritt» von der Nazi-Herrschaft in die Demokratie, von bestialischer Gewalt in die Vernunft (deren Schlaf bekanntlich Ungeheuer gebiert) vollzieht sich keineswegs als befreiende «Zeitenwende». Vielmehr führen mangelndes Erinnern und verdrängte Schuld zum Fortwirken alter Muster, sodass die Vergangenheit fatal gegenwärtig bleibt. Nicht umsonst heißt es im Text: «Das Ende wurde schon oft verkündet, doch es fängt immer wieder an.» Offenbar kann sich der Mensch als kulturelles Wesen weitaus weniger von seiner tierischen Natur lösen, als es ihm bewusst ist.
So dicht, insistierend und zitatenreich wie zuletzt wahrscheinlich in Wolken.Heim. spannt Elfriede Jelinek auf engstem Raum einen weiten Bogen von antiken Mythen bis ins 21. Jahrhundert und legt – historisch und hochaktuell – Zeugnis ab über die Deutschen im Besonderen und die Menschheit ganz allgemein. Die Bilanz fällt dabei niederschmetternd aus, begleitet von finsteren Vorahnungen für die Zukunft. Heiter-pessimistisch ist Ein Übertritt ein Abgesang auf unseren Fortschrittsglauben und auf den erhofften Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Uraufführung
22.10.2026 Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie: Jossi Wieler)
Die Aufführungsrechte für Amateur- und Schultheater stehen leider nicht zur Verfügung.