Sibylle Bergs «Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden» ist Stück des Jahres

In der Kritiker:innen-Umfrage der Zeitschrift «Theater heute» wurde «Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden» von Sibylle Berg zum Stück des Jahres gewählt.

Sibylle Berg
© Joseph Strauch

Die Uraufführung des Stücks war am 24.10.2020 am Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling). Es war außerdem nominiert für den Mülheimer Dramatikerpreis 2021. Im Mitteldeutschen Rundfunk wurde das Stück als Hörspiel produziert, die Erstsendung war am 25.01.2021.

«Obwohl heute überall getönt wird, dass Frauen endlich die gleichen Rechte wie Männer haben müssten, ist diese Forderung längst nicht durchgesetzt. Das findet und zeigt so wortmächtig wie effektvoll, so wütend wie lakonisch Sibylle Berg … Ihre private wie allgemeine Abrechnung ist voller ‹unendlicher Traurigkeit›, aber beschwingt und sinnlich: famoses Theater mit existenziellem Dringlichkeitsfaktor.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Wir freuen uns mit der Autorin und gratulieren ihr von Herzen.

Sibylle Berg

Sibylle Berg

»Sibylle Berg ist eine unerbittliche Beobachterin. In ihren Büchern und Theaterstücken geht sie dem seelischen Elend unserer Zeit auf den Grund. Dabei hat sie einen eigenen, unverwechselbaren Ton entwickelt, der sich ebenso aus untergründigem Witz und bösem Zynismus wie ernster Kritik speist.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)


Sibylle Berg wurde in Weimar geboren und lebt heute als Autorin, Dramatikerin und Publizistin in Zürich. Ihre Romane und Theaterstücke wurden mittlerweile in rund 30 Sprachen übersetzt.

Prosawerke:
Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (Roman, Reclam Leipzig, 1997), Sex II (Roman, Reclam Leipzig, 1998), Amerika (Roman, Hoffmann und Campe, 1999), Gold (Essays, Hoffmann und Campe, 2000; Neuauflage bei Kiepenheuer & Witsch), Das Unerfreuliche zuerst - Herrengeschichten (Kiepenheuer & Witsch, 2001), Ende gut (Roman, Kiepenheuer & Witsch, 2004), Habe ich dir eigentlich schon erzählt … (»Ein Märchen für alle«, Kiepenheuer & Witsch, 2006), Die Fahrt (Roman, Kiepenheuer & Witsch, 2007), Der Mann schläft (Roman, Hanser Verlag, 2009), Vielen Dank für das Leben (Hanser Verlag, 2012), Wie halte ich das nur alles aus? (Kolumnen, Hanser Verlag, 2013), Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (Roman, Hanser, 2016), GRM - Brainfuck (Kiepenheuer & Witsch, 2019), Nerds retten die Welt (Interviews, Kiepenheuer & Witsch, 2020), RCE (Kiepenheuer & Witsch, 2022).

Einige Romane und Stücke von Sibylle Berg wurden auch als Hörspiel produziert, u. a.: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (NDR 2001; Regie: Beate Andres); Ende gut (WDR; Ursendung: 28.07.2004, Realisation: Sibylle Berg und Caspar Brötzmann), Das wird schon. Nie mehr Lieben! (NDR; Ursendung: 05.07.2006, Regie: Sven Stricker), Nur nachts (NDR; Ursendung: 30.10.2013, Regie: Harald Krewer), Und jetzt: die Welt! (MDR; Ursendung: 14.09.2015, Regie: Stefan Kanis), Viel gut essen (MDR, Ursendung: 29.10.2018, Regie: Stefan Kanis), Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden (MDR, Ursendung: 25.01.2021, Regie: Beate Andres).

2009 war Helges Leben Basis der gleichnamigen Oper von Mark Moebius und Karola Obermüller (Uraufführung: 31.05.2009 Theater Bielefeld, Regie: Florian Lutz & Juliane Scherf).

Preise und Auszeichnungen:

  • Marburger Literaturpreis (2000)
  • Nominierungen für den Mülheimer Dramatikerpreis mit Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (2000), Helges Leben (2001), Hund, Frau, Mann (2002), Die goldenen letzten Jahre (2009), Mein ziemlich seltsamer Freund Walter (KinderStückePreis 2015), Und dann kam Mirna (2016), das in Mülheim den Publikumspreis gewann, Wonderland Ave. (2019) sowie Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden (2021).
  • Hörspiel des Monats (Wahl durch die Deutschen Akademie der Darstellenden Künste) mit Das wird schon. Nie mehr Lieben! (2006)
  • Wolfgang-Koeppen-Literaturpreis der Universitäts- und Hansestadt Greifswald 2008 für ihr literarisches Gesamtwerk
  • Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2009 mit Der Mann schläft
  • Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2012 mit Vielen Dank für das Leben
  • Auszeichnung der Stadt Zürich (2012)
  • Wahl zur besten deutschsprachigen Dramatikerin des Jahres 2014 für Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (Kritikerumfrage Jahrbuch Theater heute)
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden für Und jetzt: die Welt! (2016)
  • Friedrich-Luft-Preis für Und dann kam Mirna (2016)
  • Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2016)
  • Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019)
  • Thüringer Literaturpreis (2019)
  • Schweizer Buchpreis für GRM – Brainfuck (2019)
  • Nestroy-Preis in der Kategorie »Bestes Stück (Autorenpreis)« für Hass-Triptychon – Wege aus der Krise (2019)
  • Schweizer Grand Prix Literatur (2020) für ihr literarisches Gesamtwerk, verliehen durch das Schweizer Bundesamt für Kultur (BAK)
  • Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg (2020)
  • Johann-Peter-Hebel-Preis (2020)


Sibylle Berg hat in Graz und an der Zürcher Hochschule der Künste im Fachbereich Dramaturgie unterrichtet. 2013 führte sie erstmals Ko-Regie am Staatstheater Stuttgart; 2015 inszenierte sie am Theater Neumarkt, Zürich, die Uraufführung ihres Stücks How to Sell a Murder House.
Im Juni 2024 wurde Sibylle Berg für »Die Partei« in das Europaparlament gewählt.

Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden

Wie fühlt es sich an, wenn ganz am Schluss das Leben, das man geführt hat, noch einmal an einem vorbeirauscht und sich nur Erinnerungen einstellen, die wenig beeindruckend sind? Was ist geblieben von den Sehnsüchten und Plänen, den Liebesbeziehungen, Freundschaften und Zweck-Allianzen, den Kämpfen gegen «das System» – von dem man unbemerkt doch stets ein Teil war? Und wie ernüchternd ist die Erkenntnis, dass die Welt, die man grundlegend verändern wollte, sich nach dem eigenen Verschwinden unverändert weiterdrehen wird? Gibt es für all das Schuldige?

Ein spektakulärer Abgang, ein finaler Akt des Widerstands steht am Anfang vom Ende der Stück-Serie, die Sibylle Berg mit Und jetzt: die Welt! oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen begonnen und mit Und dann kam Mirna und Nach uns das All fortgeschrieben hat. Nun zieht ihre «Anti-Heldin» Bilanz, mal sarkastisch, mal melancholisch, und besonders schmeichelhaft fällt sie für niemanden aus. Auch wenn die Hoffnung bekanntlich zuallerletzt stirbt.

«Obwohl heute überall getönt wird, dass Frauen endlich die gleichen Rechte wie Männer haben müssten, ist diese Forderung längst nicht durchgesetzt. Das findet und zeigt so wortmächtig wie effektvoll, so wütend wie lakonisch Sibylle Berg in ihrem neuen Stück … Ihre private wie allgemeine Abrechnung ist voller ‹unendlicher Traurigkeit›, aber beschwingt und sinnlich und schön zum Ausdruck gebracht: famoses Theater mit existenziellem Dringlichkeitsfaktor.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
«Wie üblich bei Sibylle Berg funkelt der Text voller scharfzüngiger Bemerkungen und luzider Beobachtungen. Die Figur aus Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden ist die gealterte Version der girliehaft aufstampfenden jungen Frauen, die 2013 die Bühne des Maxim Gorki Theaters enterten und mehrere Preise abräumten.» (Das Kulturblog)
«Vier Frauen teilen sich den Text eines aufsplitternden Chores. Es spricht nicht nur eine Einzelne zu uns, schließlich geht es um Strukturprobleme der Ungleichbehandlung, um weibliche Rollenmuster in einer patriarchalen, ja neoliberalen Gesellschaft … Aber trotz der Tiefschläge Sibylle Bergs gegen die Männerwelt – und erst recht trotz ihrer Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegen die anpassungsfreudigen, pseudofeministischen, erfolgs- und konsumvergifteten Geschlechtsgenossinnen (was für ein Wort!) – machen diese Abende sehr viel Freude.» (Berliner Zeitung)
«Bergs neues Theaterstück unternimmt nicht weniger als eine finale Abrechnung mit so ziemlich allem … Hinter den Sarkasmen schimmert immer so etwas wie eine warmherzige Melancholie durch … Es geht eher um einen Frontalangriff. Und der ist bei aller Misanthropie ausgesprochen lässig, selbstironisch und überbordend.» (Süddeutsche Zeitung)
«Immer wieder ergeben sich starke, eindringliche Momente, zärtliche, sehnsüchtige Rückblicke, Dokumente eines schmerzhaften Scheiterns an inneren und äußeren Umständen. ‹Und dann fällt mir nicht ein, was ich hätte anders machen können›, heißt es einmal wie nebenbei. Und das ist dann vielleicht der schlichteste, stärkste, wahrste Satz des Abends.» (Deutschlandfunk Kultur)

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