«Faszinierendes Zerrspiegelpanorama» – «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» von Elfriede Jelinek uraufgeführt

Am 05.06.2021 wurde Elfriede Jelineks neues Stück «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» in der Regie von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt. Weitere Produktionen – darunter die Österreichische Erstaufführung in der Regie von Frank Castorf am Burgtheater (Akademietheater) Wien und Stefan Bachmanns Inszenierung am Schauspiel Frankfurt – sind in Vorbereitung.

Foto Elfriede Jelinek
© Karin Rocholl

«Elfriede Jelinek nimmt sich die öffentliche Resonanz auf die Corona-Pandemie vor, ausgehend vom berüchtigten Tiroler Skidorf Ischgl bis zu den Turbulenzen in den sozialen Medien. All das schüttelt sie im historischen Kontext wie in einem Glaskolben durcheinander und schildert dann so profund wie ironisch, was passiert: ein Experiment mit offenem Ausgang und gescheiten, amüsanten Querverbindungen … Mit Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen! greift sie entschlossen ins Medien-Mythen-Mutationen-Leben und bereitet es als abstoßend faszinierendes Zerrspiegelpanorama auf … Alles kommt dank Jelineks zeitkritischer Diagnostik wieder hoch, was nun wegen der sinkenden Ansteckungen gnädig übergangen wird.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

«Nachrichtensätze, Wissenschaftsfetzen, Politikergestammel und Verschwörungsbeschwörungen vermengen sich zu einem Sprachstrudel, der sich immer schneller dreht. Eine Kakofonie des Erschreckens … In Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen! hat Jelinek gleich zwei, nein drei bildmächtige Fäden in ihren Sprachteppich verwebt: zum einen Lois Hechenblaikners verstörende Après-Ski-Fotos aus Ischgl, die einen kranken Ballermann in den Alpen porträtieren, und zum anderen die Bilder von Schlachthöfen, in denen das Virus ideale Bedingungen vorfand. Verknüpft wird das Ganze, und das ist Jelineks Clou, mit dem zehnten Gesang der Homer’schen Odyssee, in dem Odysseus mit seinen Gefährten auf der Insel der Zauberin Kirke gelandet ist. Nach einem Gastmahl werden Odysseus’ Kumpane als Strafe für ihre Gier und Fleischeslust in Schweine verwandelt … (Lärm… ist) die Verstärkung der Vielstimmigkeit einer Gegenwart, deren Übereinkünfte außer Kraft gesetzt wurde. In der Beschreibung dieses Sachverhalts war Elfriede Jelinek schon immer einsame Meisterin.» (Der Standard)

«Jelinek erscheint als eine Beobachterin aus höherer Warte, ein starkes Ich implizierend, aber dann immer wieder auch sich gemein machend mit einem ominösen ›Wir‹ – dem Wir der Misstrauischen und Besserwissenden, der Ängstlichen, Twitternden, Böses Witternden. Aber auch dem Wir der Mächtigen und Macher … Ein Über-Ich und ein virales Wir … Weniger eine Wut- und Glutrede diesmal als ein Satyrspiel … Zu einer tieferen Essenz findet das Stück dort, wo Jelinek es engführt mit dem antiken Mythos: Es ist von satirischer Verve und Bosheit, wie Jelinek von den verschwörungsinkriminierten Sendemasten auf den Schiffsmast des Odysseus und dann auf die Schweinemast kommt, auf die Fleischfabriken à la Tönnies, wo Billiglohnarbeiter sich mit Corona angesteckt haben. Wobei die Schweine-Metapher sich auch auf die ‹Kitzloch›-Ischgl-Männer und ‹Muschifreunde Karlsruhe› bezieht … Das Virus, das hier tötet, heißt Mensch.» (Süddeutsche Zeitung)

«So funktioniert ein guter Seuchenthriller: Man weiß, dass die Infektionen ihren Lauf nehmen, und man starrt trotzdem fasziniert hin. Bloß dass Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen! gar kein Seuchenthriller ist. Jelinek beschreibt zwar das Ischgl-Unheil, … aber ab einem gewissen Punkt geht es nicht mehr um Corona, es geht um: Lärm. Um Geschrei, um zerfallende argumentative Strukturen im Pandemie-Diskurs, um die Kakofonie des Irrsinns. Die einen fordern immer schärfere Schutzmaßnahmen, die anderen leugnen schlichtweg, dass das Virus überhaupt existiert. Zum ersten Mal hat man den Eindruck, dass Jelinek weniger überspitzt als vielmehr abmildert – besonders absurde Gestalten wie Attila Hildmann kommen im Stück gar nicht vor –, und dennoch rauscht der Abend konsequent in den Wahnsinn … Diese Corona-‹Odyssee› ist keine Irrfahrt, sondern eine Höllenfahrt.» (Nachtkritik)

Zusammengenommen geht es um die Maßlosigkeit des Menschen, seine ungeheure Gier, seine viehische Brutalität, Themen, an denen sich Jelinek seit jeher abarbeitet.

Spiegel Online

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek, geboren 1946 und aufgewachsen in Wien, erhielt bereits früh eine umfassende musikalische Ausbildung. 1960 begann sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition zu studieren, anschließend, nach dem Abitur 1964, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Nach Abbruch des Studiums 1967 begann sie zu schreiben und zählt mittlerweile zu den bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautor:innen.
Neben ihren Theaterstücken, Lyrik, Essays, Übersetzungen, Hörspielen, Drehbüchern und Libretti umfasst ihr Werk die Romane wir sind lockvögel baby (1970), Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft (1972), Die Liebhaberinnen (1975), Die Ausgesperrten (1980), Die Klavierspielerin (1983), Lust (1989), Die Kinder der Toten (1995), Gier (2000) sowie den Prosaband Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr (1985) und den Privat- bzw. Internetroman Neid (2007-2008).
Im Herbst 2022 kam Claudia Müllers Film Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen in die Kinos und wurde 2023 in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» sowohl mit dem Deutschen Filmpreis (Lola) als auch mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet.


Preise und Auszeichnungen (Auswahl):

  • 1972/1973: Österreichisches Staatsstipendium für Literatur
  • 1978 Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim
  • 1978 Drehbuchförderung des Bundesministers des Innern für das Exposé zum Drehbuch Die Ausgesperrten
  • 1983 Österreichischer Würdigungspreis für Literatur
  • 1986 Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln
  • 1994 Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum
  • 1994 Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen
  • 1996 Bremer Literaturpreis
  • 1998 Georg-Büchner-Preis
  • 2002 Theaterpreis Berlin
  • 2002 Heinrich-Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf
  • 2003 Else-Lasker-Schüler-Preis für das dramatische Gesamtwerk
  • 2003 Lessing-Preis für Kritik
  • 2004 Stig-Dagermann-Preis (Schweden)
  • 2004 Hörspielpreis der Kriegsblinden für die Hörspielfassung von Jackie (Teil 4 der Prinzessinnendramen)
  • 2004 Franz-Kafka-Literaturpreis (Tschechien)
  • 2004 Nobelpreis für Literatur
  • 2011 Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters
  • 2017 Theaterpreis »Der Faust« für das Lebenswerk
  • 2021 Ernennung zur Ehrenbürgerin der Stadt Wien
  • 2021 Nestroy für das Lebenswerk
  • 2024 Commandeur de L'Ordre des Arts et des Lettres, Frankreich
  • 2024 Großes Goldenes Ehrenzeichen am Bande für die Verdienste um die Republik Österreich
  • In der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift Theater heute wurde Elfriede Jelinek mehrmals zur Dramatikerin des Jahres gewählt, für Totenauberg (1993), Stecken, Stab und Stangl (1996), Ein Sportstück (1998), Ulrike Maria Stuart) (2007), Rechnitz (Der Würgeengel) (2009), Winterreise (2011), Am Königsweg (2018) und Schnee Weiß (2019).
  • Viermal wurde sie mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, für Macht nichts – Eine kleine Trilogie des Todes (2002), Das Werk (2004), Rechnitz (Der Würgeengel) (2009) und Winterreise (2011). 2018 erhielt sie außerdem für Am Königsweg den Publikumspreis.
  • Zweimal erhielt sie den Nestroy-Autorenpreis, für Schatten (Eurydike sagt) (2013) und für Schwarzwasser (2020).

Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!

Das Virus, die Gesellschaft und der Tod: In einer «Kakophonie des Irrsinns» (Nachtkritik) brandet der Wortschwall an Nachrichten, Analysen, Warnungen, Gerüchten und Verschwörungstheorien neu auf, der uns seit Beginn der Covid-19-Pandemie überflutet. Auch Bildwelten überlagern sich: Aus dem Superspreader-Event in Ischgl wird das Gelage von Odysseus und seinen Gefährten bei der Zauberin Kirke, die die Männer in Schweine verwandelt und in Fleischfabriken transportiert, wo weitere Ansteckungsgefahr droht. Rechtspopulismus und Antisemitismus treffen auf Bewegungen wie «Fridays for Future» oder «Black Lives Matter», und über allem schwebt die Frage, wie wir – nachdem wir aus dem Paradies vertrieben wurden – miteinander leben wollen, nicht zuletzt mit Blick auf unser Verhältnis zur Natur, die vom Menschen unablässig geschändet wird.

«Elfriede Jelinek greift entschlossen ins Medien-Mythen-Mutationen-Leben und bereitet es als abstoßend faszinierendes Zerrspiegelpanorama auf … so profund wie ironisch.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
«Die Verstärkung der Vielstimmigkeit einer Gegenwart, deren Übereinkünfte außer Kraft gesetzt wurden. In der Beschreibung dieses Sachverhalts war Jelinek schon immer einsame Meisterin.» (Der Standard)
«Seine tatsächliche Bedeutung wird das Stück erst entwickeln, wenn einzelne Wortfetzen sich schon wieder verflüchtigt haben … Und vielleicht werden wir dann im Rückblick noch viel besser begreifen, was dieser ‹Lärm› gewesen ist.» (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

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