Expansion um jeden Preis – «Villa Alfons» von David Gieselmann uraufgeführt

«Ein ehrgeiziger Lügner und ein scheinnaiver Boomer: die perfekte Kombi für eine Unternehmensgründung. Vom Start-up wird der Zahlungsdienstleister Wirecard zum Global Player – und zu einem der größten Finanzskandale ever. David Gieselmann und Christian Brey überführen die Story in ein Schauspielspektakel mit Musicaltouch.» (Nachtkritik) Die Uraufführung von «Villa Alfons» war am 14. Januar 2022 am Staatstheater Mainz.

Zwei Banker stehen vor einer großen Dachs-Skulptur.
© Andreas Etter / Staatstheater Mainz

Ich will in den Dax rein, der TecDax interessiert mich gar nicht so sehr, das ist ein Abklatsch, eigentlich Mist, zweite Liga, wenn man so will, die erste Liga ist der … DAX! … DAX – und erste Liga muss unser Anspruch sein. Das heißt also … noch mehr als vorher: Expansion – EXPANSION UM JEDEN PREIS. Expansion!

Markus Schwartz in «Villa Alfons»

«Wie schreibt man eine Groteske, wenn schon ihr Gegenstand Realsatire betreibt? Man haut am besten so richtig auf die Klamauktrommel … Dass dieses Unterfangen dann sogar noch auf verblüffende Weise gelingen kann, dokumentiert die Uraufführung von David Gieselmanns Villa Alfons am Staatstheater Mainz … Getragen wird dieses so kurzweilige wie gallige Stück von einem wandlungsfähigen und außerordentlich schwungvollen Ensemble, das (…) eine einzigartige Farce von Dürrenmatt’scher Brillanz zur Schau stellt.» (Die deutsche Bühne)

«Die Mischung aus Frechheit, Dummheit, krimineller Energie und Geltungssucht, die David Meyer als dieser Jens Marlicek an den Tag legt, die dümmliche Gier seines Vorgesetzten Markus Schwartz (Klaus Köhler), der mit nichts etwas zu tun haben will, sind im Text wie im Spiel so komödiantisch überzeichnet, dass darunter tatsächlich die ganze Ambivalenz eines Finanzskandals hervorschimmert … Man lacht viel, etwas ungläubig ob all der Dreistigkeit und Leichtgläubigkeit. Aber dabei belassen es Gieselmann und sein vertrauter Regisseur Christian Brey nicht, was der Sache guttut: Immer mal wieder wird mit knappem Witz etwas erklärt. Was eine Banklizenz ist. Wie man mit Zahlungen im Netz Geld verdient. Was der Halo-Effekt bedeutet. Und weshalb es jemandem hätte auffallen können, dass man mit asiatischen Buskarten keine Millionengewinne einstreichen kann … Wie es sich für einen ordentlichen Komödienautor gehört, ist Gieselmann diesem aufgeplusterten Nichts mit Wortwitz, Sophistereien, Klischees und Kalauern auf die Pelle gerückt … Als turbulente Komödie ist der Spaß gelungen.» (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

«Man muss den Mut des Autors rühmen, diesen komplexen Stoff zu wagen … Hochstapelei und virtuelles Geld, Sein und Schein, Schnarchnasen als Prüfer, totaler Mangel an gesundem Menschenverstand: so etwas ist Trumpf.» (Frankfurter Rundschau)

«Villa Alfons [bedeutet] für das Publikum Lachen und Kopfschütteln … Danach Wut und Groll. Darüber, dass der Rechtsstaat das alles möglich werden ließ und bis ins ferne China lobbyierte. [Das Stück] ist sehenswert - auch für Finanzfachpublikum: Mainz hat S-Bahn-Anschluss zum benachbarten Finanzplatz Frankfurt. Da hat auch die BaFin ihren Sitz.» (SWR Mainz) Zum Hintergrundbericht geht bei der Tagesschau geht es hier. Das Interview mit David Gieselmann und dem SWR können Sie hier nachhören.
 

MARKUS SCHWARTZ
Sind unsere Zahlen zu schön, um wahr zu sein?

JENS MARLICEK
Sie sind vor allem dann schön, wenn man sie für wahr hält.

«Villa Alfons»

Villa Alfons

Annegret Lopez, Journalistin bei der Capital Times Germany, hat einen Verdacht: Kann es sein, dass bei dem kometenhaften Aufstieg des Zahlungsdienstleisters InstaCard an der Börse, bei dessen schneller Expansion in den asiatischen Markt und den enormen verzeichneten Vermögenswerten, nicht alles mit rechten Dingen zugeht? Sie heftet sich an die Fersen von Vorstandschef Markus Schwartz und Vorstandsmitglied Jens Marlicek und stößt bei ihren Recherchen auf immer mehr Unstimmigkeiten. Währenddessen wird auch Karin Lindhardt, Schwartz’ Sekretärin, bei der Prüfung der Bilanzen von philippinischen Kiosken stutzig, die mit Zahlkarten eines Busunternehmens angeblich Umsätze in Millionenhöhe gemacht haben. Doch der Ruf, den InstaCard in der Branche genießt, lässt keinen Raum für Zweifel, die Konkurrenz glaubt an das Gespür der Firma für die richtig guten Deals, und die Finanzaufsichtsbehörde kann sich einfach nicht vorstellen, dass jemand Betrugsabsichten haben könnte. Derweil hat Marlicek in der Münchner Villa Alfons gemeinsam mit dem Geschäftsmann Faydon Cowler, zugleich Ministerpräsident von Akkomachinga und Geschäftsführer von AkkoPay, sowie mit Lothar Leyfeldt, Ex-Geheimdienstler, längst ein Imperium aus fiktiven Banken, gefälschten Bilanzen und abstrusen Geschäftsmodellen aufgebaut – mit reinem Gewissen, denn wie kann etwas illegal sein, was es ganz faktisch gar nicht gibt?

David Gieselmann nimmt in Villa Alfons den Fall der Wirecard AG, einen der größten Wirtschaftsskandale Deutschlands, als Ausgangspunkt für einen schwindelerregenden Trip in die Abgründe des Finanzwesens, skrupelloser Allmachtsfantasien und an die Grenzen eines korrupten virtuellen Geldsystems.

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