«Eine der größten lebenden Dramatikerinnen»: Caryl Churchill erhält Europäischen Dramatiker:innen-Preis 2022

Der Preis wird alle zwei Jahre vom Schauspiel Stuttgart vergeben. Er würdigt europäische Dramatiker:innen für ihr herausragendes Gesamtwerk und ist mit 75.000 Euro der höchstdotierte Preis, der die dramatische Kunst in Europa in all ihrer Vielfalt in den Blick nimmt und sie als verbindendes Element zwischen den europäischen Kulturen versteht.

Caryl Churchill
© Johan Persson / ArenaPAL

Die Jury unter dem Vorsitz von Peter Michalzik zur Begründung: «Die 1938 geborene Dramatikerin Caryl Churchill hat über mehr als 60 Jahre ein substantielles, wirkungsstarkes und ausgesprochen engagiertes Werk geschaffen. Die Vielfalt ihrer Formen resultiert aus der Vielfalt ihrer Themen. Churchill greift gesellschaftliche, humane, wissenschaftliche und politische Fragestellungen auf … In der großen Tradition englischsprachiger Literatur schrieb sie scharf exponierte Dialoge genauso wie lautmalerische Textflächen. Ihre Stücke haben surreale aber auch realistische Züge … Mit ihrem formal und inhaltlich anspruchsvollen Werk forderte Churchill Kritik und Publikum immer wieder heraus. Caryl Churchill ist eine der größten lebenden Dramatikerinnen. Ihr Werk ist bekannt, aber nicht berühmt und wird nur noch selten gespielt. Zeit für eine Neubewertung und Neubetrachtung.»

Hier geht es zur gesamten Jury-Begründung. 

Der Jury gehörten 2022 an: Barbara Engelhardt (Intendantin Theater Maillon, Straßburg), Peter Kümmel (Theaterkritiker und Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung Die Zeit), Peter Michalzik (Autor, Juryvorsitzender), Petra Olschowski (Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst BadenWürttemberg) und Thomas Ostermeier (Regisseur und Künstlerischer Leiter der Schaubühne Berlin).

Erster Preisträger im Jahr 2020 war der in Frankreich lebende Dramatiker, Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter Wajdi Mouawad. Neben dem Hauptpreis verleiht das Schauspiel Stuttgart zudem den Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist und in diesem Jahr an die ukrainische Dramatikerin Lena Lagushonkova geht. 2020 erhielt ihn Jasmine Lee-Jones für ihr Stück Sieben Wege, Kylie Jenner zu töten.

Die Verleihung des Europäischen Dramatiker:innen Preises 2022 und des Europäischen Nachwuchsdramatiker:innen Preises 2022 findet am Wochenende 18. bis 20. November 2022 im Schauspielhaus der Stuttgarter Staatstheater statt.
 

Caryl Churchills Stücke im Rowohlt Theater Verlag

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Churchill

Caryl Churchill

Caryl Churchill, 1938 in London geboren, studierte in Oxford englische Literatur und begann früh mit dem Schreiben, anfangs für Radio und Fernsehen, dann mehr und mehr für die Bühne. 1974 wurde sie als erste Frau Hausautorin am Londoner Royal Court Theatre, wo ihr 1979 mit Siebter Himmel der endgültige Durchbruch gelang. Mit ihrem Werk, das theatralische Konventionen radikal sprengt und für das sie vielfach ausgezeichnet wurde (u. a. mit dem Olivier Award und der Aufnahme in die American Theatre Hall of Fame), hat sie ganze Generationen von britischen Dramatiker_innen geprägt. Zu ihren bekanntesten Stücken gehören Top Girls (1982), Serious Money (1987), In weiter Ferne (2001), Die Kopien (2002) und Liebe und Information (2012).

»Caryl Churchill hat in rund 40 Stücken – jedes eine neue kreative Herausforderung – ihr komplexes, visionär-innovatives Vokabular entwickelt … Die wichtigste Theaterautorin Englands.« Theater heute

»Caryl Churchill, die Grande Dame der britischen Gegenwartsdramatik, behandelt in ihren Theatertexten moralische Fragen und bezieht gerne feministisch-sozialistische Position. Doch ihre Stücke sind keine Unterrichtsstunden in Sachen Gesinnung, die ‚Aufklärung’ zuerst mit der Beschränktheit des Publikums gleichsetzen. Churchill experimentiert mit Textstrukturen. Sie fügt Situationen oder Formulierungen zusammen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Sie gibt Rätsel auf, bei deren Lösung man umso erschrockener zusammenzuckt.« Die Welt