20.02.2012 – Der Rowohlt Theater Verlag ist mit zwei Produktionen beim diesjährigen Theatertreffen in Berlin vertreten:
Sarah Kane Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons) &
René Pollesch Kill your darlings! Streets of Berladelphia, Volksbühne Berlin (Regie: René Pollesch).
Die Einladung des Kane-Triptychons begründet die Jury wie folgt: „Kindlich, witzig, schön – das sind nicht die Assoziationen, die einem zuerst einfallen bei den folterblutigen, zornig zerklüfteten und todtraurigen Stücken von Sarah Kane, der Schmerzensikone der modernen Dramatik. Dreizehn Jahre nach ihrem Freitod wagt Johan Simons ein bemerkenswertes Neu-Arrangement. Er steckt die Amputationsexzesse aus Gesäubert ins Schnipp-Schnapp-Struwwelpeter-Kostüm einer infantilen Therapiegruppe, deren unschuldige Grausamkeit grundsätzlicher an unser Menschenbild rührt als alle 90er-Jahre-Dystopie mit Gruselkliniken und Rattengosse. Er dirigiert das identitätsverlorene Erinnerungsfetzenquartett Gier zum stupenden Sprachkonzert, das Kane als subtile Situationskomikerin entdeckt. Und er veredelt den suizidalen Fiebertraum 4.48 Psychose zu einer elegischen Solosymphonie mit Kammersextett, in der das lyrische Ich – in Person der brillanten Schauspieler Thomas Schmauser und Sandra Hüller – unsentimental Œuvre und Ängste rekapituliert, bis alle gängigen Zuordnungen von Patient und Therapeut zerfallen. Opfer, Täter, Zuschauer – der Kane’sche Dreiklang umschmeichelt das Publikum in Johan Simons’ Trilogie auf kunstfertige Weise völlig neu. Er emanzipiert die Literatin von der Leidenden – nachhaltig.“
Zu der Produktion von René Pollesch schreibt die Kritiker-Jury: „Kill your Darlings stützt sich auf das flexibelste Netzwerk der Theatersaison: Ein Bewegungschor junger Berliner Turnerinnen, den der Solo-Akteur Fabian Hinrichs grinsend als „Chor der Kapitalisten“ vorstellt, weiß jedweden Ausstiegsversuch feinakrobatisch zu vereiteln.
Nicht nur klug, sondern auch bestechend lässig stößt sich René Pollesch von Bertolt Brechts Fatzer-Fragment ab und deutet das extrem störanfällige Verhältnis des Individuums zum Kollektiv unter heutigen Vorzeichen um. So prägnant und gleichzeitig ebenenreich kam noch keiner vom Untergang des Egoisten Fatzer zum unmöglichen Abgang des Individualisten Hinrichs. Denn Brechts Arbeiterchor- und Klassenkampf-Rhetorik mitsamt ihren Ausläufern ins Gegenwartstheater ist nur eine mögliche Folie, auf der man den komplexen Abend lesen kann. Auf einer zweiten, einer visuellen Ebene, setzen sich klassische szenische Zitate zu einer Art Retrospektive theatraler Repräsentations- und Revolutionsanstrengungen schlechthin zusammen. Auf einer dritten Ebene packt uns Pollesch bei unserem ausschließlichen Liebesbegehren, und auf einer vierten seilt sich der grandiose Fabian Hinrichs, der dem Pollesch-Sound völlig neue Töne abgewinnt, diskursfit vom Schnürboden ab. Dass der Netzwerksport bei aller Metaebenen-Akrobatik auch noch zuverlässig als Antidepressivum wirkt, ist zwar keinesfalls politisch korrekt. Aber es ist großartig.“